Fesseln der Zeit

Die Connichi ist zu Ende, ebenso wie das Jahr sich dem Ende zuneigt. Die bunten Figuren auf der Wiese vor dem Palais in Kassel zerstreuen sich langsam in alle Himmelsrichtungen. Die Convention war wieder ein voller Erfolg. Tausende kostümierte Wesen haben die Zeit angehalten und ein Universum erschaffen, vor dem selbst Michael Ende erblassen würde. »Wohin jetzt?« fragt sie, denn die letzten Sonnenstrahlen erwärmen die Steine des Vorplatzes. Sie rümpft die Nase, denn sie mag es nicht, wenn ich sie so anschaue. Ich hebe eine Augenbraue, dann lächeln wir uns an. Ihr Rock wippt als sie losläuft, und ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Die schwarzen Samtschuhe klappern auf dem Asphalt. Ich folge, während sie fröhlich und ausgelassen den bekannten Weg einschlägt, den wir schon die letzten beiden Tage gelaufen sind. Ihre langen, kastanienbraunen Haare wehen an den Leuten vorbei, zunehmend weichen die Phantasiefiguren den Menschen des Alltags. Doch wir zwei sind noch in der Sphäre gefangen, sie wächst, wenn sich unser Abstand vergrößert, und schrumpft, wenn wir uns nahe kommen.

Bald ist die letzte Biegung erreicht, und das kleine Hotel mit dem klingenden Namen »Nirgendhaus« neigt sich uns entgegen. Nackte Haut blitzt auf, als sie die Treppe erklimmt. »Schokolaaade!!« quietscht es aus der offenen Zimmertür vor mir. Die Dame des Hauses hat das Zimmer hergerichtet und schon alles vorbereitet. Zwei schwarzbestrumpfte Beine wedeln durch die Luft, das Bett ächzt selbst unter der geringen Last des schlanken Körpers, als Nicole sich bäuchlings auf das Bett wirft und mich ein schokoladenverschmiertes Gesicht mit großen dunklen Augen angrinst. Ich verdrehte die Augen, mache brav alles sauber und lasse mich in den grünen Sessel fallen. Sie hat schon ein neues Spiel entdeckt. Ich bin erstaunt, welche Gelenkigkeit sie an den Tag legt, darüberhinaus bin ich noch erstaunter, dass das schwarzweiße Kostüm keinen Laut von sich gibt und von größter Handwerkskunst zeugt, während es sich anschmiegt und mich wie Sonnenstrahlen, die durchs dichte Laub fallen, blendet. Ich bin ob des Schauspiels gefesselt.

Es knallt, als die Tür plötzlich mit einem knarrenden Geräusch zufällt. Wir sitzen im Dunkeln. Der schwache Duft von Frühling hängt in der Luft, während sie schwer atmend zur Ruhe kommt. Das Bett knarrt erneut, diesesmal stärker. Zwei Schemen richten sich auf und nur ein leichtes Funkeln verrät den Augenblick. Stille. Eine ganze Weile. Dann, ein zarter Hauch, in einem Moment von Überraschung und Entspannung. Nichts ist zu erkennen. Wie zwei, die sich neu kennen lernen, ein Forscherpaar auf Entdeckungsreise am Vulkan. Die heißen Quellen sind schnell gefunden, aber die Landschaft ist mindestens genauso interessant. Das Kostüm ist wirklich nicht besonders dicht, obwohl es zur rechten Zeit verbirgt, ergibt es sich wohlwollend im Schutz der Dunkelheit. Der Stoff ist samtweich und hauchdünn, trotzdem wärmend und blickdicht. Sie räkelt sich, ich ahne es, und ich nutze die Gunst der Dunkelheit, verbreite einen Moment der Unruhe, bis ich wieder ausgestreckt daliege und die Ausläufer des Kleides an meiner Haut spüre. Der unausgesprochenen Einladung folgend höre ich einen tiefen, langen glockenähnlichen Ton, der aus weiter Entfernung zu kommen scheint, aus der Mitte allen Seins, das mich bis dahin umgeben hat. Die Nacht bricht über uns herein, während der Ton sich einem Herzschlag ähnlich wiederholt und dabei immer unhörbarer wird, obwohl er bald lauter ist als alle Geräusche der Nacht zusammen.

Hasenbraten

> hey es heist im i-bau hats gebrannt!
> O.O siehst Du die Flammen schlagen? Hat es schon um sich gegriffen? Nicht auszudenken, falls die Wiese abfackelt.
> hrhr ne aber man sagt diewollten n hasen braten o___O
> *droplachflash* *Dich mit Hasenohren vorstellt*
> ALTER!!!! XD

Geheime Orte

Heute war ein guter Tag, denn ich bekam einen rosa Luftballon geschenkt :3

Ich finde, jeder Mann sollte eine eigene Höhle haben, an einem Ort, den niemand kennt, wo ihn niemand findet und wo er in Ruhe auf die Jagd gehen kann. Gut, was will man heute noch jagen, die Butter im Kühlschrank?

Ich habe auch so einen Ort, es gibt ein kleines Dörfchen an einem großen See an dem man angeln und schwimmen kann und den Fröschen abends in der Dämmerung beim quaken zuhören kann. Man kann an diesem Ort herrlich zwischen Strandmole und Kirchpark schlendern. Das Dorf schmiegt sich an der Hauptstraße entlang und ist nach 15 Minuten durchquert. Am Samstag war Dorffest, mit Bühne. Das halbe Dorf war auf den Beinen, und auch einige Besucher von außerhalb ließen es sich nicht nehmen, dem Spektakel beizuwohnen. Es war Erntedank. Die umliegenden Siedlungen hatten ihre Stände aufgebaut und präsentierten ihre schönsten Gedecke. Mir schien, dass das nicht die einzigen Schönheiten waren, die präsentiert wurden. Am lokalen Dorf-Zelt blickte ich in zwei strahlend blaue junge Augen umrahmt von dunklen Haaren nebst ebenso Aufmerksamkeit erregender Begleitung in blond. Die uniformierten Männer nebenan waren auch schon darauf aufmerksam geworden. Sie grinste mich an, denn schon saß ich links der zwei Damen und war ins Gespräch vertieft — mehr schlecht als recht mit deutschem Akzent auf meiner Seite — und ich erfuhr, dass es sich nicht etwa um Polizisten handelt, sondern um die Feuerwehr. Die blonde Schönheit witzelte noch etwas, dann war die Feuerwehr auch flott von der anderen Seite zur Stelle und nahm die Beiden mit auf eine Spritztour ins Nachbardorf. Ich sollte sie später wiedersehen.

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Mittlerweile hatte die Situation auf der Bühne gewechselt, die Preisverleihung war vorbei und fetzige Musik begeisterte die Menge. Die Kinder sprangen mit Perücken verkleidet zwischen den Älteren hin und her, und hopsten völlig ungezwungen auf der Tanzfläche herum. Mitten in diesem Tumult sah ich eine schwarz gekleidete Figur stehen. Ich war doch erleichtert, noch jemand in meinem Alter zu begegnen. Grade wollte ich mich zu ihr gesellen, als sie von hinten von einem älteren Mann angesprochen wurde. Ich beobachtete die Szenerie, und dann fiel mir auf, dass ich nicht der Einzige war. Mit einem Abstand von zwei Metern standen die Kerle um sie herum und schauten offenbar auf die Bühne. Als der sie ansprechende Mann fertig war – so schien es, denn er machte keine weiteren Anstalten und zog sich zurück – stellte ich mich zu ihr. Ich hatte sie schon Tage vorher gegrüßt, aber heute Abend sah sie umwerfend aus. Wir schauten uns in die Augen, während wir nebeneinander standen, und dann war sie so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war.

Ich entschied mich, zum Strand zu gehen und für Abkühlung zu sorgen. Der junge Strandwächter meinte, das Wasser sei für Amateure etwas kalt, aber bei 30° im Schatten konnte ich das nicht so recht glauben. Außerdem saßen bei ihm die zwei Grazien von vorher, so dass ich ihm nur zurief, er solle mich retten falls ich untergehe und mich wasserbereit machte. Nach ein paar Runden im See gesellte ich mich wieder zu den Dreien und war neugierig, was der Strandwächter in seiner Tasche hat. Der Luftballon gehörte nicht dazu. Später am Abend traf ich erneut auf Marta, die mich mit ihrer Freundin und zwei Kumpels schon in der Nacht zuvor zwischen zwei Dörfern eingeholt hatte. Da war ich allerdings schon beschäftigt, ein mobiles Zelt zusammenzuklappen, mit dem sich unter anderem die Feuerwehrmädchen abmühten. Ich hatte aber keine Ahnung, wie es geht.

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